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Aussaat, Keimung und Heranwachsen der Sämlinge
Die Kakteensamen müssen, damit sie sich gut entwickeln können, gleichmäßig über die Aussaatfläche verteilt werden. Als Hilfsmittel hierzu knickt man ein glattes, festes Stück Papier etwa in Postkartengröße der Länge nach. In die so entstehende Rinne werden die Kakteensamen geschüttet. Man hält das Papier mit den Samen leicht nach vorne abwärts geneigt über das zur Aussaat vorgesehene Feld und klopft vorsichtig mit der anderen Hand gegen das Papier. Die Samen kullern nun vorne aus der Papierrinne heraus und lassen sich gleichmäßig aussäen.
Nach der Aussaat werden die Samen mittels einer glatten Fläche - etwa einer Streichholzschachtel oder des Bodens eines ausgebrauchten Arzneifläschchens - leicht in das Aussaat-Substrat hineingedrückt. Die Samen müssen gute Verbindung mit dem Substrat haben. Andernfalls könnten sie während der Keimung austrocknen. Da die Kakteen Lichtkeimer sind, ist es jedoch nicht zu empfehlen, nach der Aussaat die Samen mit Erde zu übersieben.
Bei Aussaat in eine Schale verteilt man die Arten so, daß nicht winzige Kugelformen hinter Säulenkakteen zu stehen kommen. Ohne künstliche Lichtquelle würden sie sonst durch die rasch wachsenden Säulenkakteen beschattet. Vielmehr gruppiert man die Arten von vornherein nach der zu erwartenden Größe der Sämlinge. Die Kakteensamen können mit Resten von Fruchtfleisch und Pilzsporen behaftet sein. Um einem Befall durch den gefürchteten Vermehrungspilz vorzubeugen, kann man vor der Aussaat die Samen beizen. Hierzu gibt man nacheinander jede Sorte trocken in ein kleines Glasfläschchen oder Reagenzglas. Man fügt eine Messerspitze eines TMTD- Präparates zum Beispiel Pomarsol (Bayer) oder eventuell Tutan TMTD zu; auch Orthocid kann verwendet werden. Samen und Beizmittel werden durch Schütteln gut vermischt. Durch ein Haarsieb - dessen Maschenweite kleiner sein muß als die Größe der Kakteensamen! - wird das überschüssige Beizmittel abgesiebt. Die Samen sind nun durch einen hauchfeinen Überzug des Beizmittels vor Pilzinfektionen geschützt. Vorbeugend kann man auch nach der Aussaat Schalen und Töpfe mit Chinosollösung (0,05 %ig, bei bereits vorhandenem Pilzbefall 0,1 %ig) fein übernebeln. Das ebenfalls gegen Pilzinfektionen benutzte Benomyl sollte erst nach dem Auflaufen der Sämlinge verwendet werden, also nicht schon vor oder während der Keimung. Benomyl ist allerdings in der Bundesrepublik zur Zeit offiziell nur zur Verwendung im Getreidebau zugelassen. Auch Previcur N kann angewandt werden. Anschließend werden Töpfe oder Schalen in lauwarmes Wasser getaucht, bis sie sich einschließlich des abdeckenden Lava- oder Ziegelgruse mit Wasser vollgesogen haben. Auch hier kann Chinosol in der genannten Verdünnung beigegeben werden. Danach bringt man Schalen oder Töpfe in den Aussaatkasten. Der Klarsichtdeckel wird aufgelegt, damit eine feuchtwarme Atmosphäre entsteht. Wenn man keinen Aussaatkasten hat, kann man auch über die Aussaatschale eine schrägstehende Glasscheibe legen. Sie sollte so angebracht werden, daß das Kondenswasser nach außen abfließt und nicht auf die Sämlinge tropft. Andere Kakteenfreunde knoten ihre Aussaattöpfe einfach in einen Klarsichtbeutel ein. Wie bereits erwähnt, sind die Kakteen Lichtkeimer. Dies gilt besonders für die aus dem Hochland stammenden Arten. Der Aussaatkasten muß daher hell, aber nicht sonnig, aufgestellt werden. Wenn das natürliche Licht nicht ausreicht, sollte zusätzlich künstlich belichtet werden.
Als geeignete Keimtemperatur haben sich für die Mehrzahl der Kakteen 20 bis 25 °C erwiesen. Hochlandkakteen wie Oreocereen, Rebutien oder Lobivien keimen bereits bei 15 bis 20 °C sehr gut. Wärmeliebende Kakteen wie Coryphanthen, Echinocacteen oder manche Mammillarien bevorzugen etwas höhere Keimtemperaturen von 20 bis 30 °C. Temperaturen unter 10 und über 30 bis 35 °C hemmen die Keimung. Bei einem elektrisch heizbaren Aussaatkasten stellt man den Thermostaten entsprechend ein. Ist keine Zusatzheizung vorhanden, so muß ein Platz im Zimmer oder im Gewächshaus gesucht werden, der diesen geeigneten Temperaturbereich gewährleistet. Mit Hilfe eines Maximum - Minimum - Thermometers wird die Temperatur überprüft. Eine nächtliche Abkühlung auf 15 bis 18 °C fördert die Keimung und ist zu Erzielung gesunder Sämlinge günstig. Diese nächtliche Abkühlung tritt auch an den Heimatstandorten auf. Im Gewächshaus mit seinem selbst in Winter guten Licht von oben oder in einem mit Heizung und Zusatzbeleuchtung ausgestatteten Aussaatkasten kann schon im Dezember bis Januar ausgesät werden. Viele Kakteenfreunde meinen, daß auf diese Weise die Sämlinge bereits im ersten Jahr einen wesentlichen Entwicklungsvorsprung erzielen. Der Liebhaber, der auf natürliches Licht und natürliche Wärme angewiesen ist, sollte dagegen mit der Aussaat bis März April warten. Bei einer zu frühen Aussaat und einer durch ungünstiges Wetter verzögerten Keimung ist die Gefahr des Mißlingens und der Pilzinfektion besonders groß. Erfahrungsgemäß wachsen die im März April ausgesäten Kakteen mit steigendem Sonnenstand und wachsender Wärme recht zügig heran. Sie holen oft den durch frühere Aussaat im Jahr mühsam errungenen Vorsprung wieder auf.
Manche Kakteenarten, etwa Astrophyten oder Coryphanthen, keimen binnen einer Woche, Mammillarien meist binnen zwei Wochen; andere Arten, darunter einige Opuntien, benötigen noch länger. Während der Keimung dürfen Samen und Sämlinge nicht austrocknen. Wenn jedoch die meisten Sämlinge ihre ersten Stacheln gebildet haben, werden die Glasscheiben auf den Aussaatschalen etwas hochgestellt beziehungsweise der Deckel des Aussaatkastens wird etwas, angehoben. Feuchtwarme. »gespannte« Luft ist zwar zur Keimung der Kakteen erforderlich. Sie bietet jedoch auch den Schadpilzen gute Entwicklungsmöglichkeiten. Daher soll die feuchtwarme Atmosphäre nicht länger als nötig aufrechterhalten werden. Außerdem würden die jungen Pflanzen verweichlicht. Mit weiterem Erstarken der Sämlinge werden Glasscheibe und Deckel des Aussaatkastens ganz entfernt. Hier zeigt sich wieder der Vorteil der Aussaat in Einzeltöpfe: die schneller herangewachsenen Arten können aus dem Aussaatkasten herausgenommen werden, noch keimende Arten werde dagegen weiter darin belassen. Über das Datum der Aussaat, die beobachteten Temperaturen, die Keimdauer und das Heranwachsen der einzelne Arten sollte man sich Notizen mache Diese können für folgende Aussaaten wertvolle Hinweise geben. Die Sämlinge bleiben am besten monatelang in der Saatschale beziehungsweise den Aussaattöpfen stehen Während der ganzen Zeit muß man darauf achten, daß die Erde nicht alkalisch wird und daß keine Verpilzung eintritt. Man gieße also mit sauberem Regenwasser oder mit angesäuertem Wasser. Wenn die Sämlinge in den Schalen, in denen sie bisher gut gediehen, plötzlich nicht mehr vorankommen, dann liegt das häufig daran, daß die Erdoberfläche der Sämlingsschale alkalisch geworden ist. Wenn man kein Sphagnum als Einlage in die Schale zur Verfügung hat, dann passiert das leicht. Da Sämlingsschalen ständig feucht gehalten werden müssen, verdunstet an ihrer Oberfläche dauernd Wasser, wobei seine alkalischen Bestandteile sich immer in der obersten Schicht absetzen. Das geht oft sehr schnell. Dies kann man durch Prüfung der obersten Schicht mit pH-Meter oder Indikatorpapier unschwer erkennen. In diesem Fall stellt man vorsichtig Töpfe und Schalen einige Stunden lang in auf pH 4 angesäuertes Wasser Danach wird bald erneut zügiges Wachstum einsetzen. Solange die Sämlinge noch klein sind, wird man vorbeugend gegen Pilzinfektionen etwa alle vier Wochen mit Chinosol Lösung nebeln.
Bewässert werden Töpfe und Sämlingsschalen durch etwa halbstündiges Einstellen in Wasser oder durch Gießen in das Gießrohr der Schale. Das Gießwasser sollte schwach sauer reagieren. Etwa ab der beginnenden Stachelbildung der Sämlinge setzt man dem Gießwasser einen Dünger zu. Als sehr geeignet hat sich Kaliumphosphat erwiesen. Im ersten halben Jahr nimmt man 3 Gramm auf 10 Liter Wasser, später 10 Gramm auf 10 Liter Wasser. Die Sämlinge gedeihen mit dieser Düngung ganz ausgezeichnet: Stickstoff und die notwendigen Spurenelemente finden sie offenbar in ausreichendem Maße in der Erde vor.
Wenn die Sämlinge so stark gewachsen sind, daß sich die Polster der dicht aneinander stehenden Sämlinge hochwölben oder wenn die Sämlinge einen Durchmesser von etwa 1 cm erreichen, muß bald pikiert werden. Pikieren bedeutet, daß man die Sämlinge in frische Erde mit größerem Abstand neu einsetzt. Dies kann bei günstigen Verhältnissen schon im ersten Sommer, bei ungünstigeren Verhältnissen im nächsten Frühjahr erforderlich sein. Im Herbst sollte nicht mehr pikiert werden; die Sämlinge wachsen dann nicht mehr gut an und gehen geschwächt in den Winter hinein.

Zum Pikieren der Sämlinge werden ausreichend große Pflanzlöcher in das Substrat gebohrt. Das Substrat wird anschließend im Wurzelbereich vorsichtig angedrückt. Zu beachten ist, daß die Pflänzchen mit dem Wurzelhals an der Bodenoberfläche abschließen.
Beim Pikieren achtet man darauf, daß die Wurzeln der Sämlinge nicht zu sehr verletzt werden. Die Erde des Sämlingstopfes sollte zum Pikieren trocken sein. Sie zerfällt dann sehr leicht und gibt die Sämlinge fast unbeschädigt frei. Beim Pikieren sind spitze Holzstäbchen in halber bis ganzer Bleistiftdicke zum Vorbohren der Pflanzlöcher und zum Einsetzen der Sämlinge sehr geeignete Hilfsmittel. Beim ersten Pikieren werden die Jungpflänzchen, die jetzt einen Durchmesser von 0,5 bis 1 cm aufweisen, noch nicht in Einzeltöpfe, sondern zu mehreren in Schalen oder größere Töpfe gesetzt. Man pflanzt sie etwa mit einem Abstand, der doppelt so groß ist wie der Durchmesser einer Jungpflanze. Bei größeren Pflanzabständen wird das Substrat schlecht durchwurzelt, bei kleineren Abständen muß sehr rasch erneut pikiert werden. Die Jungpflanzen sollen, insbesondere nach dem Umsetzen, zwar hell, aber noch nicht sonnig stehen. Auch in der Natur wachsen die Sämlinge meist im Schatten der älteren Kakteen oder anderer Pflanzen heran. Beim zweiten Pikieren haben wüchsige Jungpflanzen bereits 2 bis 3 cm Durchmesser und können nun in Einzeltöpfe gesetzt werden. Bei Massenanzucht von Jungpflanzen sind auch Multitopfplatten geeignet. Multitopfplatten sollten jedoch möglichst ganz neu bepflanzt und umgesetzt werden. Das Einsetzen oder Herausnehmen einzelner Pflanzen aus Multitopfplatten erweist sich immer wieder als schwierig.
Auch beim zweiten Pikieren gibt man in die Einzeltöpfe bzw. in die Multitöpfe unten Sphagnum ein. Bewässert wird mit Nährlösung möglichst von unten. Nach Einwurzelung bringt man die Jungpflanzen an eine sonnige Stelle, zum Beispiel auf Hängebretter nahe dem Gewächshausdach. Die Kakteen zeigen hier ein verblüffendes Wachstum und entwickeln eine starke und farbige Bestachelung. Viele Kugelformen blühen bereits im Alter von 2 bis 3 Jahren. Diese Anzuchtmethode hat sich inzwischen vielfach bewährt.

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