Pfropfen

Das Pfropfen von Kakteen ist unter den Kakteenfreunden nicht unumstritten. Den Liebhabern, die gepfropfte Kakteen als unnatürlich oder als unästhetisch ablehnen, stehen leidenschaftliche Befürworter gegenüber. Kakteen werden aus sehr unterschiedlichen Gründen gepfropft. Durch das Aufsetzen schwachwüchsiger Kakteen auf eine wüchsige Unterlage kann das Wachstum beschleunigen und es können rascher große, verkaufsfertige Pflanzen erzielt werden. Auf hohe Unterlagen gepfropft, wachsen manche Kakteen doppelt bis zehnmal so schnell wie auf eigenen Wurzeln. Durch Pfropfung können Kakteen auch schon um Jahre früher zur Blühreife gebracht werden. Dies ist besonders wichtig für die Kakteenzüchtung bei der es darauf ankommen kann, möglichst rasch Farbe und Form der Blüten von Hybriden zu sehen und gegebenenfalls durch zusätzliche Kreuzungen mit diesen Hybriden weiterzuarbeiten. Bei vielen Neufunden ist die Blüte noch unbekannt. Durch schnelleres Heranziehen blühreifer Pflanzen erscheint auch die Blüte früher, und wir dienen damit der Forschung. Manchen Kakteen fehlt wegen einer Ausfallmutation (einer sprunghaften erblichen Abänderung) das Blattgrün; diese Pflanzen, etwa die rot gefärbten Spielarten des Gymnocalycium mihanovichii var. friedrichii oder die gelben Formen von Lobivia (Chamaecereus) silvestrii sind wegen des fehlenden Blattgrüns nicht lebensfähig und müssen daher gepfropft werden. Ferner kann die Pfropfung auch zur Vermehrung von Kakteen eingesetzt werden.

1.Pfropfunterlage durchtrennen.; 2. Abgetrenntes Kopfstück dient als Steckling; 3. Schnittfläche konisch anschneiden; 4. Pfröpfling vorsichtig abtrennen

 

5. Rand des Pfröpflings ebenfalls anschrägen; 6. Vor dem Zusammenfügen Unterlage und Pfröpfling nochmals waagerecht anschneiden; 7. Einige Stäbchen verhindern seitliches Abrutschen; 8. Gewichte geben Halt

Bei Umpfropfungen treibt der auf der bisherigen Unterlage verbliebene Stumpf des Pfröpflings Sprosse aus, die dann ebenfalls gepfropft oder bewurzelt werden können. Diese Art der Vermehrung ist besonders bedeutsam bei seltenen oder zur Hybridisierung neigenden Arten; bei diesen kann es wichtig sein, Exemplare aus gesicherter, belegter Herkunft erbgutgetreu zu vermehren. Auch Kammformen oder Cristaten von Kakteen, die wegen ihrer eigentümlichen Formen und Bestachelung bei manchen Kakteenfreunden beliebt sind, lassen sich längerfristig meist nur als Pfropfung halten. Weiter können seltene Kakteen, die an der Wurzel erkrankt sind und bei denen die Neubewurzelung als Steckling wenig Aussicht auf Erfolg bietet, durch eine Pfropfung gerettet werden. Überhaupt versuchen viele Kakteenfreunde, empfindliche Kakteen von extremen Standorten und Klimaten dadurch in ihre Sammlung einzupassen, daß sie diese auf eine wüchsige und robuste Unterlage pfropfen. Dies verdeutlicht nun allerdings auch die Grenzen der wünschenswerten Möglichkeiten der Kakteenpfropfung. Denn andere Kakteenfreunde betonen, daß man doch zunächst die Kultur- und Wachstumsbedingungen dieser Kakteen ergründen und dann versuchen sollte, sie in natürlicher Weise und wurzelecht zu halten. In der Tat werden gerade die langsam wachsenden Kakteen aus extremen Gebieten durch Pfropfung in ihrem Aussehen oft stark verändert und wirken aufgeblasen und mastig. Hierdurch erscheinen die Pflanzen im Gesamteindruck weniger bestachelt, sie wirken grüner, und sie sind häufig gegenüber pilzlichen und tierischen Infektionen anfälliger. Auch rein von der Ästhetik her betrachtet finden viele Kakteenfreunde hochgepfropfte Kugelkakteen nicht schön. Die Pfropfung von Kakteen kann daher, gezielt eingesetzt, eine wertvolle Hilfe in der Kakteenkultur sein. Dieses Hilfsmittel sollte jedoch überlegt benutzt werden und nur, wenn es erforderlich ist. Insbesondere sollte man Kakteen, die wurzelecht gut wachsen und blühen, im Regelfall nicht pfropfen, denn auch die Pfropfunterlagen sind in der Kultur nicht immer problemlos.

Gebräuchliche Pfropfunterlagen

Als Pfropfunterlagen sind raschwüchsige und unempfindliche Kakteenarten, insbesondere Cereen und unter diesen besonders die Trichocereen, geeignet. Vor allem in den früheren Jahrzehnten der Kakteenliebhaberei war Eriocereus jusbertii bei den Kakteenfreunden als Pfropfunterlage sehr beliebt. Das Aussehen dieser frisch bis blaugrünen Pflanze mit pfriemlichen, im Neutrieb roten und später schwarzen Stacheln auf hellen Areolen ist aus der Zeichnung rechts oben zu ersehen. Ihre Heimat ist unbekannt; es ist möglich, daß es sich um eine Hybride handelt. Ab etwa 30 cm Länge blüht sie mit großen, weißen Blüten. Eriocereus jusbertii wünscht nahrhafte, humose Erde und gleichmäßige Feuchtigkeit. Er sollte auch im Winter nicht völlig trocken und nicht kälter als bei 10 bis 12 °C gehalten werden. Früher haben die Liebhaber ihre Kakteen häufig im Mistbeet kultiviert. Die milde Unterwärme und die gute Ernährung führten zu einem prächtigen Wachstum von Eriocereus jusbertii und den aufgepfropften Kakteen. Außerdem sagte man ihm nach, daß er seine Blühwilligkeit auf den Pfröpfling übertrage und auch bei diesem zu frühen Blüten führe. Wenn Kakteenfreunde die geschilderten Pflegebedingungen, vor allem auch im Winter, bieten können, ist Eriocereus jusbertii eine gute Unterlage. Für kühlen und trockenen Winterstand der Kakteen ist er jedoch nicht zu empfehlen, da er dann im Frühjahr nur schwer und spät wieder in Trieb kommt. Nicht ganz so empfindlich, doch ebenfalls dankbar für etwas höhere Temperaturen im Winter, ist Trichocereus spachianus. Diese aus Nordargentinien stammende Pflanze ist glänzend grün, weist 10 bis 15 niedere Rippen auf und je Areole rund 10 nadelartig stechende, 1 bis 2 cm lange, gelbe bis hellbraune Stacheln. Diese dichten, stechenden Stacheln erschweren die Pfropfarbeit, außerdem neigt Trichocereus spachianus zu unschönem Verkorken von unten her. Diese Pfropfunterlage wird daher heute, obwohl sie den Pfröpfling gut annimmt, nicht mehr so häufig verwendet. Als robuste und wüchsige Pfropfunterlagen, auch für Liebhaber, die ihre Kakteen kühl und trocken überwintern, empfehlen sich Trichocereus macrogonus und vor allem Trichocereus pachanoi. Die beiden Arten sehen sich ähnlich; beide weisen einen grünen bis blaugrünen Pflanzenkörper und oft 7 Rippen auf. Die Bestachelung ist bei Trichocereus macrogonus etwas stärker als bei Trichocereus pachanoi, bei dem Kulturpflanzen manchmal fast stachellos sind. Ausgehend wohl von Japan werden in den letzten Jahren im Erwerbsgartenbau als Pfropfunterlagen zunehmend Hylocereen aus dem Bereich von Hylocereus trigonus und Hylocereus undatus verwendet. Bei diesen, an ihrem dreikantigen Querschnitt gut erkennbaren Hylocereen handelt es sich um Urwald - Kletterpflanzen aus der Karibik. Unter Bedingungen, wie sie der Erwerbsgärtner im gut ausgestatteten Gewächshaus schaffen kann, erbringt diese Unterlage ein sehr gutes Wachstum des Pfröpflings. Wegen der Weichfleischigkeit und Stachellosigkeit der Unterlage ist auch die Pfropfarbeit selbst recht mühelos. Für den üblichen Liebhaber ist diese Pfropfunterlage jedoch nicht empfehlenswert. Sie wünscht, wie aufgrund der Wachstumsbedingungen in ihrer Heimat zu verstehen ist, ein gleichmäßig feucht warmes Klima. Zu tiefe Temperaturen, Trockenheit und vor allem Wassergaben bei zu tiefen Temperaturen führen zum Kümmern und zum Verfaulen der Unterlage und damit häufig auch zum Verlust des Pfröpflings Mit Echinopsis - Ablegern, die oft empfohlen werden, machten wir schlechte Erfahrungen. Als Dauerunterlage sind sie ungeeignet, nicht nur, weil sie versprossen, sondern weil sie bald zu kümmern anfangen. Man kann sie nur zum schnellen Voranbringen kleiner Pflänzchen gebrauchen, die man dann im nächsten Jahr wieder umpfropfen muß.

Wüchsige Opuntien sind auf die Dauer von einem Jahr ebenfalls eine gute, starkwüchsige Unterlage, man muß aber meistens wieder umpfropfen. Nur Opuntia bergeriana ist namentlich für Cereen auch als Dauerunterlage brauchbar, wobei sie einen unempfindlichen, steinharten Wurzelstuhl ergibt. Falls also Cereen, die ja meist auf eigenen Wurzeln gut wachsen, überhaupt gepfropft werden sollen, dann ist Opuntia bergeriana zu empfehlen. Es hat sich dabei gezeigt, daß es für die Gesundheit der Unterlage günstiger ist, etwaige Seitensprosse nicht sofort völlig zu entfernen, sondern erst, wenn sie ausgewachsen sind, im Herbst oder im nächsten Frühjahr. Erfahrene Liebhaber schätzen auch die Trichocereen aus dem Bereich von Trichocereus pasacana und Trichocereus fulvilanus als Unterlagen. Diese Trichocereen sind sehr robust; sie können kühl und trocken überwintert werden und überstehen auch kurze Nachtfröste problemlos. Sie sprossen kaum, weshalb das sonst oft so lästige seitliche Austreiben der Unterlage entfällt. Die genannten Trichocereen wachsen zwar langsam, erbringen aber bei der Pfropfung ein gutes Dickenwachstum des Pfröpflings. Sie sind daher besonders geeignet zur Pfropfung von Kakteen, die von Natur aus langsam wachsen. Gerade bei solchen Kakteen besteht bei Pfropfung auf raschwüchsige Unterlagen die Gefahr, daß sie durch unnatürliches, mastiges Wachstum entarten. Wegen ihrer Unempfindlichkeit sind diese Trichocereen auch vorzügliche Unterlagen für Kakteen, die kühl überwintert werden sollen. Da Trichocereus pasacana und vor allem Trichocereus fulvilanus sehr stark bestachelt sind, erfordert die Pfropfung etwas Geschick - und manchmal tut es einem direkt leid, so schön bestachelte Kakteen zu zerschneiden.

Technik des Pfropfens

Als Zeitpunkt des Pfropfens ist die Zeit des Wachstums am geeignetsten. Die zur Pfropfung benutze Unterlage sollte prallsaftig und gut im Trieb sein, womit als Pfropfzeit etwa Ende Mai bis Anfang August in Frage kommen.

In welcher Höhe man pfropft, hängt vom Zweck der Pfropfung ab. Wenn die Pfropfung eine schöne, fertige Pflanze ergeben soll, dann pfropft man möglichst niedrig, also 4 bis 5 cm hoch, damit die Unterlage nach einigem Wachstum des Pfröpflings nicht mehr ins Auge fällt. Soll aber möglichst schnelles Wachstum erzielt werden, dann kann man auf die Schönheit des Bildes einer Pfropfung keine Rücksicht nehmen und pfropft so hoch wie möglich. Die Unterlage soll nach Möglichkeit einen größeren Durchmesser haben als der Pfröpfling, damit dieser fest sitzt. Die Stelle der Unterlage, durch die wir den Pfropfschnitt führen, muß mindestens 3 bis 4 Monate alt sein. Frisch gewachsenes Gewebe sinkt ein und stößt den Pfröpfling in fast allen Fällen ab. Nur ganz junge Sämlinge wachsen auch auf einer jüngeren Unterlage an. Andererseits darf die Pfropfstelle auch nicht viele Jahre alt sein. Wenn sie nämlich verholzt ist, dann kommt in der Mehrzahl der Fälle keine Verwachsung mehr zustande. Aber auch hier gibt es einen Kniff, der in den meisten Fällen zum Ziele führt. Wenn wir beim Schneiden merken, daß die Unterlage stark verholzt ist, dann machen wir eine Zwischenpfropfung mit Trichocereus schickendantzii, der sehr weichfleischig ist und nahezu überall anwächst. Das T. schickendantzii - Zwischenstück, auf das wir sodann unseren Pfröpfling bringen, soll etwa 3 cm hoch sein. Man kann diese Doppelpfropfung gleichzeitig ausführen, muß also nicht warten, bis T. schickendantzii angewachsen ist. T. schickendantzii sproßt sehr reichlich und man sollte wenigstens eine Pflanze in der Sammlung haben, die Sprosse für solche Zwischenpfropfung liefert. Die Pfropfung erfolgt im Prinzip dadurch, daß man die frischen Schnittflächen der beteiligten Pflanzen so zusammenbringt, daß sich ihre Leitbündel berühren und daß man Unterlage und Pfröpfling unter Druck hält, bis sie zusammengewachsen sind. Das kann je nach dem Alter der Pflanzen und nach dem Wetter wenige Tage bis zu einigen Wochen dauern. Im Durchschnitt fangen die Pfröpflinge etwa 3 bis 4 Wochen nach der Pfropfung zu wachsen an. Für die Technik des Pfropfens hat man verschiedene Verfahren entwickelt, die zum Teil reine Spielerei sind. Wir behandeln hier deshalb nur die beiden bewährten Methoden des Pfropfens mit waagerechtem Schnitt und die des Spaltpfropfens. Die wichtigste Pfropfmethode ist die mit waagerechtem Schnitt. Man wendet sie an bei allen Pflanzen, deren Körper runden (Kugelkakteen, Cereen) oder ovalen (Opuntien) Querschnitt haben. Wir brauchen dazu Messer mit dünnen, scharfen, rostfreien Klingen. Nach jedem Schnitt wird die Klinge gereinigt und abgetrocknet. Bei besonders wertvollen Pflanzen kann man die Klinge in Alkohol tauchen, um sie zu desinfizieren. Zum Schneiden muß sie aber wieder trocken sein. Man sollte an einem warmen, sonnigen Tage pfropfen, da dann Pfröpfling und Unterlage rascher und problemloser verwachsen. Mit glattem, ziehendem Schnitt - nicht hin- und hersäbelnd und nicht mit starkem Druck, der das Zellgewebe quetschen würde - schneidet man die Unterlage in gewünschter Höhe ab. Man legt die abgeschnittene Spitze der Unterlage beiseite, kantet die Rippen der Unterlage ab und entfernt - durch Ausschneiden der Areolen störende Stachelbüschel. Nun wird die zu pfropfende Pflanze abgeschnitten, und auch beim Pfröpfling werden die Rippen leicht abgekantet. Sollte inzwischen bei der Unterlage die Schnittfläche unregelmäßig abgesunken sein (weil hier die Unterlage noch zu jung ist) oder die Schnittfläche ist schon stark abgetrocknet (weil wir zur Herrichtung des Pfröpflings sehr lange gebraucht haben), dann nimmt man von der geschnittenen Unterlage nochmals eine dünne Scheibe eben ab. Der Pfröpfling wird nun von der Seite her schiebend so auf die Unterlage gesetzt, daß weder Luft noch störende Fremdkörper zwischen die beiden Pflanzen gelangen und die Verwachsung behindern können. Die Pfropfung kann indes nur gelingen, wenn die deutlich sichtbaren Gefäß- oder Leitbündelringe der Unterlage und des Pfröpflings möglichst weitgehend übereinanderliegen. Zumindest einige Leitbündel müssen sich decken. Wenn daher der Pfröpfling viel kleiner als die Unterlage ist, wird er nicht genau zentral, sondern seitlich versetzt auf einen Teil des Leitbündelrings der Unterlage aufgesetzt. In dieser Position - die nicht mehr verrutschen darf - muß der Pfröpfling so beschwert werden, daß er auf die Unterlage gedrückt wird. Auch durch einfache Hilfsmittel können wir diese Beschwerung erreichen. Wir ziehen zum Beispiel Gummiringe über den Pfröpfling und unter dem Topf hindurch, wo sie über das Abflußloch laufen müssen, um ein seitliches Abspringen zu verhindern. Wir können 2 bis 4 solcher Ringe kreuzweise anbringen. Oder wir nehmen eine dreieckige Glasscheibe, deren eine Spitze auf dem Pfröpfling liegt und deren gegenüberliegende Kante auf einem oder mehreren Ziegelsteinen ruht. Je nach Größe des Pfröpflings kann man auf die Glasscheibe über den Pfröpfling zum Beschweren noch einen Stein oder ein Stück Metall legen. Das Gewicht ist so zu bemessen, daß es den Pfröpfling fest andrückt, es darf ihn natürlich auf keinen Fall quetschen. Man kann bei höheren Pfropfungen auch je zwei gleichschwere Steine oder Metallstücke mit einer etwa 20 bis 30 cm langen Schnur - oder Kunststoffbändern, gegebenenfalls gewonnen durch Zerschneiden von Plastiktüten verbinden und so über den Pfröpfling hängen, daß die Schnur mitten über den Scheitel des Pfröpflings läuft. Besonders empfehlenswert erscheint uns aber die Verwendung der Aulbachschen Pfropfringe. Es handelt sich hierbei um eine Erfindung des Kakteenfreunds F. Aulbach aus Haibach bei Aschaffenburg. Ein Metallring trägt in seiner Mitte gekreuzte Gummibänder. Die Kreuzungsstelle legt man mitten auf den Pfröpfling. Es ist dabei ganz gleichgültig, wie hoch die Pfröpflinge sind. Wenn sich der Pfröpfling durch Einschrumpfen der Schnittfläche senkt, bleibt der Druck trotzdem immer derselbe. Es gibt auch keine Gefahr des Abrutschens wie bei den über Pfröpfling und Topf gezogenen Gummiringen. Es gibt verschieden große und unterschiedlich schwere Metallringe, so daß für jede Pfropfung der geeignete Ring vorhanden ist. Das Pfropfen mit den Aulbachschen Ringen (als Beschwerung) erscheint als zuverlässige und dabei gleichzeitig als einfache Pfropfmethode. Gegen den Druck der Gummibänder oder der Schnüre, mit denen der Pfröpfling auf die Unterlage gedrückt wird, können Pfröpflinge mit empfindlicher Bestachelung durch ein aufgelegtes Stückchen Schaumgummi abgepolstert werden. Übertriebene Besorgnis ist jedoch nicht angebracht; wenn die Pfropfung gelingt, gleichen sich Druckstellen in der Bestachelung durch das einsetzende kräftige Wachstum in kurzer Zeit aus. Bei der Pfropfarbeit muß zügig gearbeitet werden, da ein Abtrocknen der Schnittflächen die Verwachsung beeinträchtigt.

Die frische Pfropfung wird hell und warm, aber nicht sonnig aufgestellt, und man sollte vermeiden, durch Übersprühen oder Nebeln die Schnittflächen zu benetzen. Nach 10 bis 14 Tagen können die Gummibänder entfernt werden, doch ist die Pfropfung zunächst noch vorsichtig zu behandeln. Nach weiteren zwei Wochen zeigen das frische Wachstum im Scheitel des Pfröpflings und sein gesunder, praller, gefüllter Allgemeinzustand, daß die Pfropfung gelungen ist. Falls dagegen keine Verwachsung erfolgte, wird der Pfröpfling kein frisches Wachstum zeigen und von de Unterlage entweder von sich aus oder bereits auf ganz leichten Druck abfallen. Dann kann nach frischem Anschneiden gegebenenfalls ein erneuter Pfropfversuch unternommen werden. Die angeschnittene Spitze der Pfropfunterlage wird nach leichtem Abkanten der Rippen - damit die neuen Wurzeln nicht am Rand, sondern zentral hervorbrechen - und drei- bis vierwöchigem Abtrocknen zur Neubewurzelung eingesetzt. Sie kann ein Jahr später bereits wieder als Pfropfunterlage dienen. Wenn die als Pfröpfling verwendete Pflanze ein intaktes Wurzelwerk hat, werden auch beim Reststück die Rippen leicht abgekantet, damit nicht auf der Schnittfläche Wasser stehen bleiben kann. Meist bilden sich aus dem Reststumpf kleine Sprosse, die zu weiteren Pfropfungen und damit zur Vermehrung einer seltenen Pflanze benutzt werden können.

Spezielle Pfropfmethoden

Hat man ganz dünne Triebe zu pfropfen, etwa Wilcoxia, Corryocactus oder ähnliche, dann teilt man ein etwa 4 cm langes Stück der Länge nach genau in der Mitte und legt es waagerecht mit der Schnittfläche auf die Unterlage. Wenn der Leitgefäßring der Unterlage groß genug ist, kann man auch beide Teile nebeneinander auf die Unterlage legen. Pfropfungen dieser Art sprossen dann meist aus mehreren Areolen und ergeben schöne buschige Pflanzen. Selbstverständlich muß auch bei dieser Pfropfart der Pfröpfling entsprechend auf die Unterlage angedrückt werden.

Spaltpropfung

1.Pfröpfling keilartig zuschneiden; 2. Pfropfunterlage erhält einen keilförmigen Einschnitt; 3. Schnittflächen fest aneinanderfügen: 4. Kakteendorn und Bast geben Halt

Die Spaltpfropfung empfehlen wir nur, wenn ganz flache Triebe gepfropft werden sollten, so bei Gliedern des Weihnachts- oder Osterkaktus oder bei Sämlingen von Blattkakteen. Man pfropft sie am besten etwa 30 cm hoch auf Eriocereus jusbertii oder Eriocereus bonplandii, wodurch schöne Kronenbäumchen gezogen werden können. Die Pfropfung führt man auf folgende Weise aus: Man schneidet die verhältnismäßig dünne Unterlage, der man den Kopf genommen hat, in der Mitte senkrecht nach unten 2 bis 3 cm ein. Sodann entfernt man beim Pfröpfling (am besten mit einer Rasierklinge) auf etwa 2 cm von unten die Oberhaut der flachen Seiten und schiebt den nun entstandenen Keil in den eingeschnittenen Spalt. Schließlich sticht man einen längeren Kakteenstachel waagrecht durch die Pfropfstelle, um den Pfröpfling festzuhalten. Zum Schluß wollen wir noch auf zwei Spezialpfropfungsarten eingehen, nämlich die Sämlingspfropfung und die Hochpfropfung. Sämlinge brauchen im allgemeinen einige Jahre, manchmal sogar viele Jahre, um erwachsene Pflanzen zu werden.

Sämlingspfropfung:

Kakteensämling wird auf Pereskiopsis gepfropft. Hier gibt ein Glasplättchen Halt. Es wird seitlich durch ein Etikett abgestützt.

 

Durch die Sämlingspfropfung kann man diese Wachstums- oder Reifeperiode ganz bedeutend verkürzen. Man pfropft die Sämlinge am besten, nachdem sie die ersten Stachelchen entwickelt haben. Ganz hervorragend geeignet sind auch die dünnen Triebe von Peireskiopsis, auf denen das Wachstum und die Bestachelung besonders stark sind und der Eintritt der Blühfähigkeit besonders früh erfolgt. Das Pfropfen auf Peireskiopsis sollte nur in der ersten Jahreshälfte geschehen. Spätere Pfropfungen wurden schon wiederholt ein Mißerfolg. Zur Ausführung der Pfropfung benutzt man eine saubere Rasierklinge. Wenn diese ganz neu ist, muß man sie vorher mit Seifenwasser entfetten und gut trocknen, wobei keine Seifenspuren verbleiben dürfen. Als Unterlagen kann man auch schnellwüchsige Cereensämlinge von 3 bis 10 cm Höhe verwenden. Die Cereenunterlage schneidet man knapp unter dem Scheitel durch, den Sämling so, daß möglichst eine kugelige Form verbleibt. Ist auf der Unterlage der Ring der Leitbündel ziemlich groß, dann wird man bei näherem Zusehen entdecken, daß er sich aus einzelnen Punkten, den Leitgefäßbündeln, zusammensetzt. Man muß dann bemüht sein, die winzige Achse des Sämlings auf solch einen Punkt zu setzen. Für die Sämlingspfropfung gilt also nicht die allgemeine Regel, daß jüngstes Gewebe für die Pfropfung ungeeignet ist. Im Gegenteil, Sämlinge können nur auf jungem Gewebe anwachsen. Die Verwachsung erfolgt dabei bei günstigem Wetter meist innerhalb von 24 Stunden. Der Druck, der die zarten Sämlinge auf der Unterlage festhalten soll, darf natürlich nur äußerst schwach sein. Es genügt eine dünne, kleine, dreieckige Glasscheibe, deren drei Spitzen auf dem Sämling und auf zwei Stäbchen liegen, die man neben der Unterlage in die Erde gesteckt hat. Meistens wachsen die Sämlinge sogar ohne jede Beschwerung an. Die Sämlingspfropfungen hält man am besten in etwas gespannter Luft. Haben die Pfröpflinge dann eine Größe erreicht, daß sie als dicke Kugeln auf dünnem Stiel stehen, dann pfropft man sie um, oder man schneidet sie ab, läßt etwa 10 Tage abtrocknen und bewurzelt sie sodann.





Anplatten

Pfropfunterlage und Pfröpfling durch gleich lange Schrägschnitte vorbereiten; ein Kaktusdorn gibt Halt





Die Hochpfropfung nimmt man vor auf wüchsigen Cereen von 1 bis 3 m Höhe oder auf deren Seitentrieben. Die überraschendsten Erfolge lassen sich dabei allerdings fast nur bei Gewächshauskultur mit frei ausgepflanzten Cereen erzielen. Man pfropft auf diese Pfröpflinge von etwa 2 bis 5 cm Durchmesser möglichst hoch. So kann man etwa die durch Sämlingspfropfung bereits sehr großen ein- bis zweijährigen Sämlinge nehmen.



Das Wachstum auf den großen alten Cereen ist dann enorm, und bereits ein Jahr später zeigen die Pfröpflinge eine den Importen nicht nachstehende Bestachelung. Nach einigen weiteren Jahren aber müssen die großen starken Pfröpflinge abgenommen und bewurzelt werden. Sie verlangsamen dann ihr Wachstum und stellen es schließlich ein, eine nicht ganz geklärte Erscheinung, die vermutlich auf die Alterung der Unterlage zurückzuführen ist. Auch in der Natur treiben die verzweigt wachsenden Cereen schließlich mehr und mehr Seitentriebe, während die Haupttriebe nicht mehr weiterwachsen.

 

 
 

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