Stecklinge

Kakteen können durch Aussaat und durch Stecklinge vermehrt werden. Bei der Bewurzelung von Stecklingen werden Pflanzen gewonnen, die der Mutterpflanze im Erbgut vollständig gleichen. Dies ist ein großer Vorteil, wenn eine besonders schöne Pflanze erbgleich vermehrt werden soll. Ebenso wird sich der botanisch interessierte Kakteenfreund über einen erbgetreuen Ableger der Pflanze freuen, die der Originalbeschreibung zugrunde lag. Die Massenvermehrung aus Stecklingen kann allerdings dazu führen, daß eine besonders beachtenswerte Pflanze, die willig sproßt, bald in allen Kakteensammlungen eines Gebietes vertreten ist. Hierdurch wird vielleicht das Bild dieser Art in der Vorstellung der Kakteenfreunde in einseitiger Weise geprägt, und es kann zu einer gewissen genetischen Verarmung dieser Art in unseren Sammlungen kommen. Durch Aussaat dagegen gewinnt man neue Individuen mit einer großen Variationsbreite der Merkmale. Aus der vielgestaltigen Anzucht kann sich der Kakteenpfleger dann die besonders stark oder farbig bestachelten oder die besonders früh und reich blühenden Pflanzen auslesen und so im Laufe der Zeit eine ausgesucht schöne Sammlung aufbauen.

Die Vermehrung durch Stecklinge ist die einfachste Vermehrungsart. Sie erfordert keine besonderen Hilfsmittel, und sie gelingt in den meisten Fällen. Die günstigsten Jahreszeiten für die Stecklingsanzucht sind Frühjahr und Frühsommer. Im Herbst dagegen sind viele Kakteen nicht mehr so leicht bereit, neue Wurzeln zu bilden. Außerdem überstehen die im Herbst neu gebildeten Wurzeln oft den Winter nicht. Die Stecklinge werden von der Mutterpflanze mit einem sauberen, scharfen Messer abgeschnitten. Wenn man Sprosse (Kindel) bei der Mutterpflanze herausdreht oder herausreißt, können sowohl die Mutterpflanze wie auch die Sprosse stark beschädigt werden. Bei Stecklingen von Säulenkakteen kantet man die Schnittstelle leicht ab. Hierdurch wird erreicht, daß die neuen Wurzeln nicht seitlich aus dem Rand, sondern nach unten gerichtet in der Mitte der Schnittstelle hervorbrechen. Auch die Stecklinge von epiphytischen Kakteen, zum Beispiel von »Phyllokakteen«, müssen zugeschnitten werden. Die dünnen, verholzten Ansatzstellen der Sprosse sind für die Wurzelbildung nicht geeignet. Vielmehr erbringen die breitesten Stellen der »Blätter« besonders gute Wurzeln. Vor der Bewurzelung müssen die Schnittstellen abtrocknen. Dies wird bei der kleinen Schnittstelle eines Sprosses einer gruppenbildenden Pflanze nur ein bis zwei Wochen dauern. Die größere Schnittstelle eines Cereenstecklings wird dagegen erst nach ein bis zwei Monaten hinreichend geschlossen und abgetrocknet sein. In dieser Zeit müssen die Stecklinge senkrecht stehen, denn die neuen Wurzeln streben stets nach unten. Wenn zum Beispiel ein Cereensteckling wochenlang auf der Seite liegt, wird er seitlich und nicht aus der Schnittstelle Wurzeln bilden. Man stellt daher die Stecklinge von Säulenkakteen oder von »Phyllokakteen« zu mehreren senkrecht in einen leeren Blumentopf. Größere Cereenstecklinge kann man in senkrechter Lage aufhängen.

Nach dem Abtrocknen stellt man die Stecklinge zur Bewurzelung senkrecht auf ein durchlässiges und fäulnishemmendes Substrat. Diesem wird man einen hohen Anteil von Bimskies, Perlite oder Lavagrus beimischen. Das Bewurzelungssubstrat sollte nicht naß sein, sondern nur eine ganz leichte, milde Feuchtigkeit aufweisen. Man kann zum Beispiel einen Tontopf zur Hälfte mit dem Bewurzelungssubstrat füllen und die Stecklinge senkrecht hineinstellen. Diesen Tontopf füttert man mit einem Torfmull - Sand Gemisch in einen größeren Topf ein. Nun kann man das Einfütterungsmaterial immer wieder leicht anfeuchten. Seine Feuchtigkeit überträgt sich durch den Tontopf auf das Bewurzelungssubstrat. Durch dessen milde Feuchtigkeit wird zu starkes Schrumpfen der Stecklinge verhindert und die Wurzelbildung begünstigt. Bei der Bewurzelung muß man Geduld haben. Bei größeren Stecklingen von Säulenkakteen brechen die Wurzeln manchmal erst nach einem Jahr durch. Dagegen bereitet die Bewurzelung von Sprossen der gruppenbildenden Kakteen meist keine Schwierigkeiten. Manchmal haben die Sprosse bereits an der Mutterpflanze kleine Wurzeln vorgebildet. Dies ist zum Beispiel oft bei Pflanzen aus den Gattungen Echinopsis, Sulcorebutia oder Lobivia zu beobachten.

Im Handel wird Bewurzelungshormon angeboten, das die Wurzelbildung fördern soll. Die Meinungen über de Erfolg sind jedoch widersprüchlich. Die Erfahrungen der Verfasser bliebe negativ.

Erst wenn die Wurzeln deutlich sichtbar sind, pflanzen wir die Stecklinge in die Kulturerde ein. In den ersten Wochen nach dem Einpflanzen, bis die Pflanze den Topf wirklich durchwurzelt hat, wird jedoch noch zurückhaltend bewässert. In der gesamten Zeit des Abtrocknens und des Bewurzelns sollten die Stecklinge warm und hell, aber nicht sonnig stehen.

Bei Stecklingen oder Sprossen von Pflanzen mit Rübenwurzel ist der Kakteenfreund manchmal enttäuscht wenn diese auch Monate nach dem Einsetzen noch immer kein gutes Wachstum zeigen. Topft man den vermeintlich kranken Sproß aus, so zeigt sich des Rätsels Lösung: der Steckling bemühte sich zunächst, die typische Rübenwurzel zu bilden. Während oberirdisch kaum ein Wachstum zu beobachten war, hat d Pflanze vielleicht unterirdisch einen beachtlichen Zuwachs erzielt. Erst nach der Bildung der Rübenwurzel, im allgemeinen im zweiten Jahr, wächst dann auch der oberirdische Sproß.

Zur rascheren Anzucht junger Pflanzen kann man natürlich versuchen, die Stecklinge nicht eigenständig zu bewurzeln, sondern sie auf eine wüchsige Unterlage zu pfropfen.

 
 

©1997-2007 Monique Pauwels - All rights reserved